HR und Merkel-Raute

20. Mai 2018

Oder wie Personaler sich erden

 

Szene 1 - Merkel-Raute die erste!

Ich habe um 14.00 Uhr einen Termin mit dem Abteilungsleiter Verkauf vereinbart.

Wir wollen aktuelle Mitarbeiterproblematiken besprechen.

Er hat mir  in einem langen Telefonat angegeben, um was es genau geht.

Er hat mehrfach gesagt: "Es ist dringend - es duldet keinen weiteren Aufschub!"

Ich bin gut vorbereitet.

Die Personalakte von Frau Meier ist mit dabei und genaustens geprüft.

Die Lohnentwicklung von Herrn Zimmermann ausgedruckt und auf die Entwicklung der  letzten 4 Jahre geprüft.

Einen Vertragsentwurf für Herr Zosso mit dem Hausanwalt entwickelt.

Und zwei Vorschläge für einen anstehenden Teamentwicklungsprozess kreativ vorbereitet.

Abteilungsleiter Stark hatte am Morgen dem Big Boss erklärt, dass er heute eine Sitzung mit mir hätte, in der alles klären würde.

Oder wie immer sagte er in seinem saloppen, überhebliche Stil zum Geschäftsleiter: "Chef - ich tüte das mit dem HR ein!"

Ich warte

Es ist 14.10 Uhr - ich warte noch.

Ich habe ja mein Handy dabei. So kann ich die Mails noch checken und Anfragen von Mitarbeitenden beantworten.

Es wird 14.20 Uhr – langsam werde ich nervös.

Ich checke mein Outlook. Doch, der Termin war heute um 14.00 Uhr. Die Termineinladung wurde von Herrn Stark gemacht.

Warum zweifle ich an meinem Erinnerungsvermögen. Typisch Frau? Typisch Diana?

Human Resource Management

Netcolon / Pixabay

Ich gehe zum Empfang unserer Firma. Die blonde, auffallende Schönheit begrüsst mich schon gurrend. „Was kann ich für Dich tun, Diana?“

„Ach der Urs…den habe ich eben noch gesehen. Ich glaube,er ist im Personalrestaurant mit dem Finanzchef. Soll ich ihn anrufen?“

Ich lehne dankend ab. Nein – Bewegung tut mir gut.

Ab ins Nebengebäude.

Im Personalrestaurant treffe ich nur den Finanzchef an.

Er meint, dass Herr Stark auf dem Weg zu mir ist. Er, also Abteilungsleiter Stark, wurde durch seine Outlookerinnerung während dem kurzen Gespräch mit ihm erinnert.

Kein Verkaufsleiter

Okay…ich dackle zurück zum Sitzungszimmer. Kein Verkaufsleiter.

Aber da läutet das Telefon und eine Bewerberin ist am Apparat. Ich kläre ihre Fragen und nutze die Wartezeit.

14.40 Uhr Herr Stark ist immer noch nicht da. Ich rufe ihn an. Er meldet sich und sagt ganz salopp: „Oh – ja…wir hatten ja den Termin…

sorry…aber können wir das auf nächste Woche verschieben, ich habe jetzt doch noch anderes zu tun!“

HR ist Dienstleister.

HR ist Sparringpartner.

HR hat Verständnis und räumt die Akten wieder ab und verschiebt den Termin.

Die 3. Terminverschiebung von Herrn Stark in diesem Monat.

Kennt Ihr das?

Da gibt es Personen, die tragen ihre Kunden auf Händen.

Sie schleimen den big boss so richtig voll. So voll, dass sie aufpassen müssen, dass sie nicht auf der eigenen Schleimspur ausrutschen.

Aber, wenn sie einen Ach-so-wichtigen-Termin beim HR haben, tja…dann kann mal was in Vergessenheit geraten.

Es geht ja nur um Mitarbeiter. Und das ist verschiebbar.

Böse, wertende Gedanken einer genervten Personalerin.

Frau – das kann doch mal vorkommen.

Wo ist denn das Herzblut für die Sache? Tssss.

Ich mache die Merkel-Raute. Das erdet mich wieder.

Pezibear / Pixabay

Szene 2 - Merkel-Raute die zweite.

Bewerbungsgespräche für eine Sachbearbeiterstelle in der Abteilung Finanzen.

Der Vorgesetzte hat sich auf das anstehende Gespräch gut vorbereitet.

Ich habe mich in die Zeugnisse der Kandidatin gekniet und alles aus den Unterlagen herausgearbeitet, was mir Fragezeichen aufgibt.

Die Kandidatin ist auf dem Papier unsere Favoritin. Mit Abstand. Mit grossen Abstand.

Ihr Profil deckt sich zu 90 Prozent mit unserem Anforderungsprofil.

Ich habe mit ihr ein Telefoninterview geführt – das war sehr gut.

Ich habe sie zum heuten Gespräch um 10.00 Uhr eingeladen.

Telefonisch.

Per Email und da ich gerne auf Nummer sicher gehe und auch unsere komplette Firmenbroschüre mitsende, auch per Post.

Sogar per A-Post (Erklärung * Schweiz)

Zeit für Kandidaten

Der Vorgesetzte Klug und ich sitzen bereits um 09.45 Uhr im Besprechungszimmer.

Getränke sind parat. Das Organigramm bereitgelegt. Die Stellenbeschreibung nochmals ausgedruckt.

Wir sprechen uns nochmals gut ab.

Es wird 10.00 Uhr und die Kandidatin erscheint nicht.

Es wird 10.10 Uhr und die Kandidatin ist noch nicht da.

Es wird 10.15 Uhr und Herr Klug meint, vielleicht hat sie den Bus verpasst?

Es wird 10.20 Uhr und ich argumentiere, „wenn man den Bus verpasst hat, kann man doch anrufen“.

Es wird 10.25 Uhr und wir beschliessen, dass ich sie anrufe.

Schliesslich könnte ihr etwas zugestossen sein.

Ein schrecklicher Unfall und sie kann nicht anrufen.

Wir erreichen nur die Combox.

 

Augenmuster1

komposita / Pixabay

Herr Klug geht wieder arbeiten. Bereits um 11.30 Uhr hat er einen weiteren Termin.

Ich hinterlasse eine Nachricht auf der Combox:“ Frau Schneider. Wir hatten um 10.00 Uhr einen Termin.

Sie sind nicht erschienen. Ist bei Ihnen alles gut – bitte melden Sie sich doch! Wir machen uns Sorgen!“

Kein Brief erhalten

Um 17.30 Uhr meldet sich Frau Schneider.

Sie sagt, sie hätte sich den Termin erst für morgen eingetragen.

Ich weise freundlich aber überrascht auf mein Mail hin.

Frau Schneider sagt, sie hat kein Mail von mir erhalten.

Ich weise auf unseren Brief mit A-Post hin.

Frau Schneider sagt, dass sie keinen Brief erhalten hat.

Eine Chance noch

Sie bittet mich inständig ihr nochmals eine Chance zu geben.

Sie wäre so interessiert und die Unzuverlässigkeit der Post dürfte man ihr doch jetzt nicht nachtragen.

Ich bitte sie um Geduld.

Ich diskutiere mit dem Vorgesetzten lange.

"Laden wir sich doch ein. Sie ist ein zusätzlicher Aufwand wert."

Ich rede mir den Mund fusselig.

Wow -  er lässt sich erweichen.

Frau Schneider kommt am nächsten Morgen.

Eine strahlende, junge Frau voller Leichtigkeit. Der Halo-Effekt schlägt bei mir voll ein.

Sie erinnert mich an meine Tochter und ich bin ihr sehr verzeihend gestimmt.

Und sie entschuldigt sich als erstes eingehend und meint: “Es ist so komisch, dass ich weder Email noch Post erhalte habe.“

Dabei verschweigt sie völlig unsere telefonische Abmachung.

Okay – ich sollte zukünftig noch SMS nachsenden. Mein Learning aus der Sache.

Aber sie merkt an: “In meinem Mietshaus heisst noch eine Frau „Schneider“. Vielleicht hat sie die Post bekommen?“

Zum Dank, dass sie nun doch noch eingeladen wurde, überreicht sie dem Vorgesetzten eine grosse Packung „MERCI-Schokolade“.

Schoggi macht alles gut

Herr Klug ist ein Leckermaul und schokoladensüchtig. Er lächelt verschmitzt.

Das Gespräch mit Frau Schneider verlief sehr gut. Fachlich wäre sie die ideale Person. Aber der Vorgesetzte Herr Klug und auch ich haben Bauchweh, wie verbindlich und zuverlässig Frau Schneider ist.

Ich fühle mich als Fürsprecherin und merke an, dass das ja wirklich alles so gewesen sein könnte. Obwohl ich es besser weiss. Es gibt keine Zufälle.

Frau Schneider schreibt uns am Abend noch ein begeistertes, euphorisches Mail: “Das ist mein absoluter Traumjob. Ich werde alles tun um in Ihrem Unternehmen die Bestleistung zu erbringen. Ich würde mich so freuen, wenn ich Zusage bekäme.“

 

Ich habe in 33 Jahren Personalarbeit gelernt, solche Schreiben mit Distanz zu betrachten.

Also mache ich Feierabend.

 

Am nächsten Tag bespreche ich alle Kandidaten mit Herrn Klug. Der Abteilungsleiter wankt zwischen Frau Schneider und Herrn Müller. Ich kann ihn verstehen. Das begeisterte Mail von Frau Schneider entfaltet jedoch seine Wirkung (oder war es die Schoggi?). Herr Klug tendiert in Richtung Frau Schneider und bittet mich sie nochmals anzurufen und gewisse Punkte abzufragen.

5 x versuche ich an diesem Tag Frau Schneider anzurufen. Ich spreche ihr auf die Combox und bitte um Rückruf.

Es passiert nichts.

Am nächsten Tag (Monatsende nähert sich und Entscheidungen stehen dringend an) versuche ich es erneut.

Und tatsächlich, ich erwische Frau Schneider auf dem Weg zur Arbeit. Sie ist völlig überrascht.

Nachdem ich ihr alle Fragen gestellt habe, tut sich ein komisches Bauchgefühl breit.

Irgendwas stimmt hier nicht.

War es ihre Stimme?

Waren es ihre Antworten?

Jobangebot und kein Jubel

Ich spreche sie direkt darauf an und zwar so: „Frau Schneider, wenn wir Sie in einer Stunde anrufen und ein klares Jobangebot machen, sind Sie dann immer noch dabei?“

Am anderen Ende des Hörers herrscht Stille.

Aha…mein Bauch…der Kerl hat wieder mal recht.

„Frau Schneider?“

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Frau Schneider erklärt mir, dass sie gestern ein viel besseres Stellenangebot erhalten hat und daher unser Angebot nicht annehmen wird.

 

Okay…völlig legitim. Eine Personalerin hat dafür immer Verständnis.

Ich mache die Merkel-Raute und erde mich wieder.

 

Szene 3 - Merkel-Raute die dritte...

 

Für meinen HR-Podcast habe ich eine der ganz Grossen der Podcast-Szene für ein Interview gewonnen.

Ich freue mich riesig. Ich bereite Fragen vor. Ich bereite die Technik vor. Ich sende die Frageliste vorab. Ich bin mächtig nervös.

Meine Interviewpartnerin ist im HR ganz gross und kann meinen Hörer und Hörerinnen ganz viel Mehrwert geben.

Ich bin so stolz, dass ich sie gewonnen habe. Sie war auch sofort bereit, als ich sie vor 7 Tagen im Messenger ansprach.

Eine Stunde vor unseren Termin chattet sie mich im Facebook Messenger an: “Bleibt es bei unserem Termin, Diana?“

Ich bestätige. Punkt 09.30 Uhr sitze ich vorm Skype und warte auf die Annahme meiner Skypeeinladung.

Um 09.30 Uhr hatten wir den Termin vereinbart. Mein Herz klopft. Dabei habe ich schon so viele Interviews gemacht.

Aber diesmal ist es etwas völlig anders. Wie grossartig, eine solche Person in einem Gespräch zu haben.

Herzklopfen

Um 09.45 Uhr ist Frau Big HR immer noch nicht im Skype eingetroffen.

Aber ich sehe, dass sie in einer Facebook-Gruppe gerade aktiv ist.

Ich chatte Frau Big HR freundlich an und frage, ob wir nun starten können.

Sie schreibt mir freundlich zurück:“Jetzt gleich…einen Moment noch…ich habe hier einen klitzekleinen Notfall!“

Ich, als Personalverantwortliche, bin ich es gewohnt Verständnis zu haben. Kein Problem. Das kann mal passieren.

Ich ordne währenddessen meine Rechnungen -  immer das Skypeprogramm in Sichtweite.

Es wird 10.00 Uhr.

Frau Big HR ist aktiv im Messenger. Oh ich sehe – dass sie im twitter gerade einen Post eines bekannten Führungstrainers kommentiert.

Es wird 10.15 Uhr.

Der Kragen platz - dabei trage ich gar kein Hemd

Mir platzt der Kragen. Ich habe um 11.00 Uhr einen nächsten Termin.

Ich fühle wie diese Unzuverlässigkeit und Unverbindlichkeit, die ich soeben beobachte, wie eine böse schwarze Wolke auf mich zukommt.

Ich mache mir einen Kaffee. Immer das Skypeprogramm voll im Visier. Schliesslich könnte sie jeden Moment anrufen und dann wäre ich nicht parat.

geralt / Pixabay

Es wird 10.30 Uhr

Frau Big HR schäkert gerade mit einem Youtuber in einer geschlossenen Gruppe, der ich zufällig auch angehöre.

Es wird 10.45 Uhr

Ich bin enttäuscht.

Ich schreibe eine kurze Nachricht an Frau Big HR „Leider muss ich nun zu einem neuen Termin. Schade, dass es nicht geklappt hat. Bitte melde Dich doch mit einem neuen Termin. Gute Grüsse, Diana „

 

Bei diesen Zeilen reisse ich mich sehr zusammen. Der klitzekleine Notfall war vielleicht ein grosser.

Wer bin ich, dass ich dieses Verhalte beurteile.

Ich gehe eine Runde joggen und beschliesse:

„Meine Zeit ist mir wichtig. Ich finde es respektlos und nicht wertschätzend so mit meiner Zeit umzugehen. Ab jetzt bin ich nicht mehr dazu bereit.“

 

Keine Merkel-Raute mehr.

Frau Big HR hat sich nie mehr gemeldet. Und übrigens die Merkel-Raute steht mir nicht.

 

Herzlicher Gruss, Diana

 

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